Sterben nach Plan

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Sterben nach Plan
Den Hinweis zu diesem Feature bekam ich von einer Frau aus meiner Trauergruppe. Bei diesem Thema bin ich sehr ambivalent. Wie geht`s euch dabei? Hier ist die Beschreibung zur Sendung :
"Going to Switzerland" hat sich in Großbritannien als Euphemismus für begleiteten Suizid eingebürgert, auch viele Deutsche reisen zum Sterben in die Schweiz. Wie aber organisiert man den eigenen Tod? Und wie gehen Angehörige mit dieser Entscheidung um? Stefanie Müller Frank hat für folgendes Feature ein Ehepaar auf ihrer letzten Reise begleitet. Hier gehts zum Download
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Flori, der Kämpfer

Flori ist ein junger Mann, den ich seit einiger Zeit begleite und der mich sehr beeindruckt.

Er ist 18 Jahre alt und hat einen Mitochondriendefekt, der zu körperlichen und sprachlichen Beeinträchtigungen führt.

 

2014 hatte Flori seinen Großvater verloren. Er litt sehr unter diesem Verlust. Schließlich hatten die beiden fast täglich beim Warten auf den Schulbus über alles, was den FC-Bayern betrifft, gefachsimpelt.

Flori kam zu uns ins Haus und sprach zunächst kaum. Aber er verliebte sich in Niko, meinen Kater, auch genannt Edler.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diese Liebe beruht auf Gegenseitigkeit.

Wenn Flori sich bei mir zum Abendessen angemeldet hatte, sagte ich in der Früh zum Kater:

"Edler, du hast heut um 18:00 Uhr einen Termin“.

Und der Kater war da.

Obwohl er sonst bei Fremden eher zurückhaltend ist,

ließ er sich neben Flori auf der Couch nieder und sich von ihm streicheln,

auch wenn das auf Grund von Floris Grunderkrankung manchmal etwas ungelenk war.

 

 

 

 

 

 

 

 

Flori besuchte auch gerne Rosi.

Das Reiten war nicht seins, aber die Kutsche.

Mit Leiter und vereinten Kräften schaffte er es auf den Bock

und lenkte Rosi zum Bauernhof einer Schulkameradin.

Nach einem Plausch ging es zurück.

Anfang diesen Jahres bekam Flori eine Lungenentzündung und musste auf die Intensivstation ins Unfallkrankenhaus Murnau.

Bei meinem Dienst dort entdeckte ich seinen Namen auf der Patientenliste und war ziemlich erschrocken,

als ich ihn das erste Mal sah.

Seine Mutter erzählte mir, dass es in der ersten Nacht „Spitz auf Knopf“ stand, wie man hier sagt.

Das heißt, es war nicht sicher, ob er diese Nacht überleben würde.

Doch Flori ist zäh.

Beatmung, Magensonde und immer noch hatte er die Hoffnung, dass es wieder so wie früher werden würde. Seine Grunderkrankung stand jedoch dagegen.

Es gab eine Zeit, da war Flori wütend, wollte keine Therapien, wollte nicht selbst atmen, wollte nur heim. Bis er, auch durch den liebevollen Umgang der PflegerInnen, anfing mitzumachen.

Physio-, ergo- und Logotherapie, sowie atmen ohne Maschine. Insgesamt war er 4,5 Monate im UKM, bis er schließlich nach Hause durfte. Vorher musste er dazu noch eine Operation überstehen. Am Abend vorher schrieb er mir: „Ich hab Angst“.

Am nächsten Tag folgte ich meinem Gefühl, fuhr ins Krankenhaus und kam so rechtzeitig, dass ich ihm noch etwas aus einer Geschichte der „Drei Fragezeichen“ vorlesen und ihn dann bis vor den OP-Saal begleiten konnte. Seine Angst konnte ich nachvollziehen und ich war froh, ihn am nächsten Tag fröhlich die Pflegerin necken zu sehen.

Dann ging`s nach Hause. Alles war arrangiert. Das Pflegebett, der 24-Stunden-Pflegedienst, ein Gerät, das Flori samt Rollstuhl über die Treppen bringt und die Geräte zur Beatmung und zur Ernährung durch die Magensonde.

Beim ersten Besuch, kuschelte Flori mit dem Kaninchen Hoppel. Wie gut der Kontakt zu Tieren doch tut! Flori fragte mich auch, ob ich nicht mal den Edlen mitbringen könne.

 

Letzte Woche war es so weit.

Beim Haus angekommen, den Edlen im Katzenkorb, ging ich durch den Garten zu Flori. Der spielte dort mit seiner Oma und seiner Pflegerin

Mensch-ärgere-dich-nicht.

Nachdem das Wohnzimmer ausbruchssicher gemacht worden war, durfte der Edle heraus. Er fand es spannend und ich hatte den Eindruck, Flori auch. Aufmerksam verfolgte er die Erkundungen des Katers und seine Augen leuchteten. Immer wenn Niko nahe genug am Rollstuhl war, berührte Flori sein Fell. Mit einer Decke schützten wir Floris Oberschenkel und legten ihm den Edlen auf den Schoß. Trotz aller Aufregung legte sich der Kater hin und schnurrte leise. Flori streichelte ihn und strahlte. Der Kater entdeckte dann die Fensterbank und ließ sich dort nieder. Flori folgte ihm mit den Augen und drehte selbst den Rollstuhl, um Niko besser beobachten zu können. Das fühlte sich richtig gut an, hatte ich Flori schon lange nicht mehr so aktiv und lebendig erlebt.

An diesem Tag war er seit in der Früh ohne Beatmung unterwegs.

Wow, was für eine Entwicklung!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Seht selbst, wie Flori strahlt!

Anna hat geschrieben!

Vor kurzem bekam ich eine Mail von Anna mit einem Anhang, über den ich mich sehr gefreut habe. Lest selbst !

Ich bin zu Christine Rösch, bzw. zum Kleefalterhof gekommen, indem eine liebe Trauerbegleitung aus dem Internet („in lauter Trauer“) mir den Tipp gegeben hatte. Mir war danach, in der Natur zu sein, aber nicht alleine. Als ich die Homepage vom Kleefalterhof genauer angesehen hatte, wusste ich, dass es genau das Richtige ist: viele liebe Tiere um mich, Berge, Seen und eine ausgebildete Trauerbegleitung, aber vor allem haben mich die schönen Übernachtungszimmer umgehauen. Ich wollte etwas ganz Gemütliches und Ruhiges. Christine und ich verstanden uns am Telefon sofort und ich konnte recht flexibel kommen, was mir sehr gut tat.

So bin ich dann Anfang April für 5 Tage zum Kleefalterhof gefahren. Ich wurde sehr herzlich aufgenommen, aber auch ein bisschen in Ruhe gelassen. Christine hat wohl schnell gemerkt, wie erschöpft und ruhebedürftig ich war. Darüber sprachen wir auch am ersten Abend. Ich konnte erzählen, was ich brauche, warum ich nach Uffing am Staffelsee gekommen bin: zur Ruhe kommen und zu allem Abstand haben, bei mir wieder ankommen und mich von bestimmten Dingen lösen.

So nahm mich also Christine auf und bot mir an, dass wir immer gucken können was wir machen, aber nichts Pflicht sei. So unternahmen wir viele schöne Dinge, bei denen ich in die Natur eintauchen konnte, wir machten lange Spaziergänge, fuhren mit dem Schiff über den Staffelsee oder machten eine Wanderung hoch in die Berge. Dabei konnte ich loslassen, aber auch viel spüren. Loslassen, was an Stress auf mich in den letzten Monaten zugerollt kam, spüren, dass meine Mutter immer bei mir ist, dass sie mich mit ihrer Liebe nährt und mir Kraft gibt. Ich erkannte, dass ich immer die Aufgaben im Leben bekomme, die zu bewältigen sind, auch wenn man das in dem Moment nicht stärkt. Die Gespräche mit Christine taten gut.

Die Auszeit bei Christine möchte ich nicht missen, sie war nach dem Tod meiner Mutter und der schweren Zeit danach, das Beste was mir passieren konnte. Dafür danke ich sehr!

Von Beruf Engel

ist  Christine Bronner. Dieser Film des Bayerischen Rundfunks aus der Reihe Lebenslinien zeichnet das Portrait einer kämpferischen Frau. Sie setzt sich als Betroffene sowohl für die direkte Unterstützung und Entlastung der Familien, als auch mit viel Nachdruck und Kraft dafür ein, dass die Eltern bedarfsgerecht vom System unterstützt werden.

Chapeau und danke liebe Christl!

Hier der Link: http://br.de/s/2omHsgZ

Kopieren, einen neuen Tab öffnen, einfügen und anschauen.

Gerne hätte ich euch diesen Film direkt verlinkt, doch leider gelingt es mir nicht. :-(

 

 

 

 

(Bild: pi)

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Hebamme und Sterbeamme

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Anerkennen, was nicht zu ändern ist. Trauer, so individuell wie die Trauernden.    Ein Artikel von Alexandra Drescher, 11.Oktober 2011 in der ZEIT Wissen Nr.6/2

Trauerarbeit: Der Tod der anderen

Jedes Jahr verlieren Millionen Deutsche einen geliebten Menschen. Die einen können den Verlust allein bewältigen, die anderen brauchen Unterstützung. Wann ist Hilfe nötig?

Der Anruf kam unerwartet. Eigentlich hatte Herbert Harnacke bis zum Schluss gehofft, dass irgendwie alles wieder gut werden würde. Doch jetzt musste er mit seinen drei Töchtern ins Hospiz fahren – an jenen Ort, an dem seine Frau die vergangenen Wochen verbracht hatte. Sie hatte den Kampf gegen den Krebs endgültig verloren. Zwei Tage lang nahmen die vier Abschied von der Toten. »Sie sah wunderschön aus«, erinnert sich Harnacke. Heute, viereinhalb Jahre später, hallt das Lachen der Kinder durchs Haus. Und der Vater ist kein gebrochener Mann, sondern strahlt Zuversicht aus. »Natürlich war das alles schlimm. Und ich liebe meine Frau noch immer«, sagt der 48-Jährige. »Aber das Leben geht weiter.«

 

Auch Karin Meißner* war überrascht von dem Anruf. Auch sie hatte bis zum Schluss gehofft. Dann fuhr sie mit ihrem Sohn ins Krankenhaus, wo ihr Mann vergebens versucht hatte, dem Krebs zu trotzen. Im Aufbahrungsraum der Klinik konnten sie gerade mal eine Viertelstunde lang Abschied von ihm nehmen. Und noch heute, fünf Jahre später, denkt Karin Meißner wehmütig an den Mann zurück, mit dem sie über ein halbes Jahrhundert zusammen war. »Wir haben immer alles gemeinsam gemacht«, sagt die 70-Jährige. »Eigentlich war uns klar: Keiner soll allein zurückbleiben – wenn, dann gehen wir beide.« Der schmerzliche Verlust quält sie noch heute, bis vor Kurzem war er stets gegenwärtig.

 

 

 

Warum reagieren Menschen so unterschiedlich auf seelisches Leid? Warum fallen die einen um, warum geraten die anderen nur ins Wanken? Wie können Freunde helfen – und was kann man selbst für sich tun?

Jahr für Jahr sterben mehr als 850.000 Menschen in Deutschland. Der Tod bricht in ihre Familie ein und raubt den Angehörigen einen geliebten Menschen: die Mutter, den Vater, Geschwister, das Kind oder den Partner. Es ist der Augenblick, der das Leben für viele in ein Davor und ein Danach teilt. In dem plötzlich nichts mehr so ist, wie es war. Der Alltag gerät dabei manchmal aus den Fugen, der Glaube an eine Zukunft schwindet. Viele der Hinterbliebenen sind erst mal überwältigt von Angst, Wut, Verzweiflung – und dennoch bleiben die meisten allein mit ihrem Leid.

 

»Früher hat die Gesellschaft den Einzelnen in solchen Momenten gestützt, heute ist das Trauern eine individuelle Angelegenheit geworden«, sagt der Berner Psychologe Hansjörg Znoj. Bei einer Umfrage des Bundesverbandes Deutscher Bestatter beklagten vor Kurzem 67 Prozent der Befragten, dass die Öffentlichkeit das Thema Tod verdränge. In vielen Kulturen ehren die Menschen ihre Toten bis heute mit aufwendigen Zeremonien, an denen vom Kind bis zum Greis die gesamte Dorfgemeinschaft teilnimmt. In Deutschland und der westlichen Welt hingegen ist der Tod im Alltag nicht mehr präsent.

 

Schwarze Kleidung erinnert nicht mehr an einen Verstorbenen, sondern wurde zum Modetrend; das Trauerjahr hat ausgedient und viele Menschen verzichten auf Kondolenzbesuche, weil sie mit dem Tod nicht umgehen können. Geblieben ist die Beerdigung als letztes Ritual, das den Hinterbliebenen den Abschied leichter machen kann. Und manch einer, der mit Kirche und Glauben nie viel zu tun hatte, erinnert sich in solch einer existenziellen Situation plötzlich daran, wie hilfreich eine christliche Zeremonie sein kann.

 

»Sehr häufig bitten Angehörige um eine kirchliche Beisetzung, selbst wenn der Verstorbene ausgetreten war«, sagt Jan von Campenhausen, Pfarrer im Kirchenamt der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD). Meist werde dem Wunsch entsprochen, den Hinterbliebenen zuliebe, denen man Trost und Hoffnung geben wolle. Campenhausen weiß: »Menschen in schwierigen Situationen brauchen einen verlässlichen Ritus, und die Kirche steht für das Hoffen über den Rand des Grabes hinaus.«

 

Bei der Beerdigung zeremoniell Abschied zu nehmen ist ein erster Schritt, das eigentlich Unfassbare zu realisieren: den Tod. Wer einen wichtigen Menschen verloren hat, muss sein Leben neu ausrichten. Das braucht Zeit – mal mehr, mal weniger. Die Mehrheit der Hinterbliebenen erholt sich bereits nach einigen Wochen. Es gelingt ihr, mit der Traurigkeit umzugehen. Trotz des schmerzlichen Verlustes verlieren diese Menschen nicht den Boden unter den Füßen, können den Alltag wie üblich bewältigen. Ihre Trauer durchläuft meist vier Phasen, stellt Verena Kast fest; die Professorin lehrt an der Universität Zürich sowie am dortigen C. G. Jung-Institut und ist Vorsitzende der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie.

 

Die vier Phasen der Trauer

Im ersten Moment bewirkt der Tod des geliebten Menschen oft eine Art Schockzustand, der stunden- oder tagelang anhalten kann. Der Trauernde kann nicht fassen, was geschehen ist, und fühlt sich wie erstarrt. In dieser Phase braucht er womöglich jemanden, der ihm ganz praktisch beim Erledigen alltäglicher Aufgaben hilft. Anschließend brechen meist die Emotionen auf. Der Hinterbliebene wird überwältigt von Gefühlen wie Angst oder auch Wut und sucht verzweifelt nach einer Erklärung für den Verlust, den er erleiden musste. In diesem Gefühlschaos braucht er vor allem jemanden, der einfach nur zuhört.

Irgendwann beruhigen sich üblicherweise die überbordenden Gefühle, doch in vielen kleinen Situationen des Alltags fühlt sich der Trauernde an den Verstorbenen erinnert – und muss sich immer wieder bewusst machen, dass es den schmerzlich vermissten Menschen nicht mehr gibt. Diese Phase, die Kast die des Suchens und Sich-Trennens nennt, kann Wochen, aber auch Jahre dauern. Sie erfordert vom Umfeld Geduld und Nachsicht, weil sich vieles im Kreis zu drehen scheint. Erst wenn sich das Suchen abschwächt, öffnet sich der Blick für die Zukunft: Der Trauernde beginnt, die Welt und sich selbst neu zu entdecken. Möglich ist, dass ihm die Helfer früherer Phasen dabei sogar als Hindernis erscheinen – und er nach neuen Freunden für ein neues Leben sucht.

Trauern funktioniert nach keinem Schema

Schematisieren lässt sich der Prozess der Trauer allerdings nicht. Nicht jeder Mensch erlebt das Abschiednehmen in gleicher Weise und schon gar nicht nach dem gleichen Zeitplan. Und auch die Voraussetzungen, den Verlust endgültig zu verkraften, sind unterschiedlich. Das stellte der Psychologe und Traumaforscher George A. Bonanno fest, der an der Columbia University in New York lehrt. Er hat herausgefunden, dass es rund zehn Prozent der Hinterbliebenen langfristig schwerfällt, mit dem Tod eines engen Angehörigen fertig zu werden. Sie erleben, was Psychologen eine »komplizierte Trauer« nennen. Sie quälen sich jahrelang und sehnen sich dauerhaft nach dem Verstorbenen.

Weitere zwanzig Prozent leiden ebenfalls stark – mit dem Unterschied, dass sie nach einigen Monaten wieder wie früher wirken. Dass sie irgendwie funktionieren, obwohl sie innerlich immer noch sehr verletzt sind. Sie alle können Hilfe brauchen.

Herbert Harnacke wusste nach dem Tod seiner Frau sofort, dass er es nicht allein schaffen würde, das Geschehen zu verarbeiten. Tagsüber arbeitete er zwar, als sei nichts geschehen, und abends kümmerte er sich um seine kleinen Töchter. Doch nachts, wenn im Haus alles still war, konnte er kaum schlafen. Seine Gedanken kreisten immer wieder um die Frage: Wie kann es weitergehen? Also suchte Herbert Harnacke Unterstützung. Er sprach mit Psychologen, ging mit seinen Kindern zu Trauerseminaren, machte mit ihnen eine Kur und tauschte sich über das Internetforum verwitwet.de mit anderen Hinterbliebenen aus.

Nach einigen Wochen gestaltete er das Schlafzimmer um. »Die Kinder wollten überall ein Bild von ihr stehen haben«, erinnert er sich. »Aber ich brauchte zumindest einen trauerfreien Raum.« Fragt man ihn, wie intensiv seine Trauer jetzt noch ist, zeigt er auf den Küchentisch: »Anfangs nahm sie die Hälfte der Platte ein. Heute hat sie sich in eine Ecke zurückgezogen, die mal größer, mal kleiner wird. Sie ist ein Teil meines Lebens.« Aber sie dominiert seinen Alltag nicht mehr.

Tatsächlich geht es bei der Trauer nicht darum, etwas hinter sich zu lassen oder abzulegen wie einst die schwarze Kleidung nach dem Trauerjahr. Als Prozess dient sie dazu, den Schmerz zu verarbeiten. Das kann schneller gehen oder mag auch langsamer gelingen. »Die Zeit ist kein Kriterium«, sagt der Berner Psychologe Znoj. »Und jeder trauert anders.«

Manche brauchen nur ein paar Monate dafür, den Verlust zu bewältigen, andere Jahre. Einigen Menschen helfen Grabbesuche oder Gebete; manche machen alles mit sich allein aus, vielen helfen Gespräche. »Wichtig ist allein, dass die Hinterbliebenen den Blick dabei nach innen richten, den Verlust akzeptieren, ihre Beziehung zum Verstorbenen verändern und dadurch wieder nach vorne schauen können«, sagt Rita Rosner, Trauerforscherin und Psychologin an der Katholischen Universität Eichstätt.

Besonders gut gelingt das Menschen, die über genügend Resilienz verfügen. So bezeichnet man die seelische Widerstandskraft, die selbst in schwierigen Situationen Halt gibt; das Wort ist aus dem lateinischen »resilire« für zurückfedern abgeleitet. »Resiliente Menschen können sich neuen Umständen gut anpassen. Sie erstarren nicht dauerhaft in ihrer Trauer, sondern stellen nach einer Weile die emotionale Balance wieder her. Sie haben eine entsprechende Persönlichkeitsstruktur«, sagt Karena Leppert vom Institut für psychosoziale Medizin und Psychotherapie der Uniklinik Jena. »Sie haben Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten und fühlen sich nicht als Spielball des Schicksals. Auch bei Belastungen können sie dem, was geschehen ist, einen Sinn geben. Und sie suchen für sich Erfahrungen und Beziehungen, die ihnen guttun.« Sie empfinden und handeln wie Herbert Harnacke, der Sätze sagt wie: »Ich habe mich nie als Opfer gesehen.« Oder: »Ich musste aktiv werden.«

Es braucht viel seelische Stärke, um zu akzeptieren, was wir nicht ändern können, und die eigenen Kräfte nicht im Hadern zu vergeuden. Resiliente Menschen können, wie der amerikanische Wissenschaftler Bonanno feststellt, selbst unter den widrigsten Umständen auch Momente der Freude erleben.

Denjenigen, die in eine komplizierte Trauer verfallen, gelingt das nicht. Sie versinken in ihrem Leid und hadern. Weil sie den Verlust der geliebten Person nicht annehmen können, sind sie dauerhaft im Alltag eingeschränkt. Sie leiden extrem, ziehen sich zurück und haben das Gefühl, dass das Leben keinen Sinn mehr hat. Manchen Hinterbliebenen gelingt es einfach nicht, sich aus eigener Kraft aus dieser Abwärtsspirale zu befreien. Andere fühlen sich geradezu verpflichtet, lange zu leiden – etwa, wenn sie Jahrzehnte mit dem Verstorbenen zusammen waren. »Viele glauben: Wenn es mir schnell wieder gut geht, ist die Beziehung nichts wert gewesen«, sagt Rita Rosner.

Komplizierte Trauer kann viele Ursachen haben. Sie kommt vor bei Menschen, die in ihrer Beziehung zum Verstorbenen zu wenig Eigenleben entwickelt haben – die nicht wussten, was sie selbst wollten, und kein soziales Netz besaßen. Auch wer bereits psychisch erkrankt war oder in der Kindheit keine sicheren Bindungen erleben durfte, ist gefährdet. Zudem kann die Art des Todes bewirken, dass die Angehörigen in der Trauer versinken: Wenn er plötzlich hereinbrach, etwa durch einen Unfall, und sie vom Sterbenden nicht Abschied nehmen konnten, ist die Gefahr größer, dass der Schmerz anhält.

Auch Karin Meißner fühlte sich vom Tod überrumpelt. Als ihr Mann ins Krankenhaus kam, wusste sie nicht, wie schlimm es um ihn steht. »Er sagte nur ›Das wird behandelt‹ und verriet nichts über seinen wirklichen Zustand.« Er wollte wohl verhindern, dass sie sich Sorgen machte. Die Viertelstunde, die ihr dann im Krankenhaus für den unerwarteten Abschied von dem Toten blieb, reichte dann einfach nicht.

Heute, fünf Jahre später, steht sie immer noch im inneren Dialog mit ihrem verstorbenen Mann. »Ich weiß, dass er tot ist«, sagt Karin Meißner. »Aber ich hätte ihn so gern zurück. Ich fühle mich allein ohne ihn.« Einerseits denkt sie täglich daran, was er wohl in dieser oder jener Situation getan hätte. Andererseits fürchtet sie die Erinnerung an die gemeinsame Zeit. Sie hört keine CDs mehr, »denn das ist alles unsere gemeinsame Musik«. Und wenn im Fernsehen eine Sendung über Italien kommt, schaltet sie ab: »Dort haben wir immer schöne Urlaube verbracht.«

Komplizierte Trauer ist heilbar. Psychologen haben verschiedene Therapien entwickelt. Und wer um die Risikofaktoren weiß, kann vorsorgen. Viele Resilienzforscher meinen, dass sich die seelische Widerstandskraft, mit der wir Krisen überwinden, sogar noch im Erwachsenenalter gezielt fördern lässt: indem wir in uns hineinhorchen und unsere Bedürfnisse ergründen, uns mit Menschen umgeben, die uns guttun, und Aufgaben suchen, die befriedigen. Karin Meißner ist auf dem Weg dorthin: Vor Kurzem ist sie umgezogen und hat die neue Wohnung nach ihren Vorstellungen ausgebaut. In den Sommerferien waren ihre Enkel fast jeden Tag bei ihr. Dass sie von ihrer Familie gebraucht werde, sagt sie, gebe ihr Kraft. So hat sie sich nun doch getraut und einen Urlaub gebucht – Italien. Mit ihrem Bruder und der Schwägerin. Und sie zweifelt: Wie es wohl werden wird – ohne ihn? Doch es ist ein Anfang. Es scheint zu beginnen – ihr Leben nach dem Tod.

* Name von der Redaktion geändert

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Danke Gabi

Ende Januar ist Gabi, die Mutter meiner besten Freundin gestorben. 1966 kam ich zu ihr in die zweite Klasse der Grundschule, nachdem ich von Berlin nach München gezogen war.

Dort traf ich auf Steffi und nach kurzer Zeit teilten wir uns eine Bank. Bei Gabi lernte ich neben dem Schulstoff den bayrischen Dialekt, singen, tanzen und Theater spielen und weil ich oft bei Volksmusik-Treffen dabei sein durfte, auch die Liebe zur bayrischen Musik. Sogar den Bandltanz hat Gabi mit uns am Schulhof aufgeführt.

Am Sudelfeld hatte die Familie eine Alm und fast jedes Winterwochenende durfte ich mit zum Schifahren. Legendär waren die Faschingsveranstaltungen auf der Alm. Bernhard, Steffis Vater, hatte im Kuhstall einen Tanzboden aufgebaut, die Wände waren bunt dekoriert und mehrere Gasheizstrahler sorgten für wohlige Wärme. Ein buntes Volk aus SchifahrerInnen, Musikanten und SängerInnen feierten ausgelassen Fasching. Mehr als einmal bestiegen Steffi und ich nach einer durchfeierten Nacht unsere Brettl und gingen „maschkera“ auf die Piste. Gabi fuhr mit. Noch heute seh` ich sie als Bayrischen Kasperl vor mir.

Doch auch über den Fasching hinaus waren ihr Einfallsreichtum und ihre Kreativität berühmt. Sie spielte leidenschaftlich gerne Theater und lachte gerne und viel. Eine Schauspielerin sagte einmal, als sie hörte, dass Gabi unter den Zuschauern sei: „Schee, dann lacht wenigstens oane.“

Für andere, die in finanziellen oder anderen Nöten waren, war Gabi immer da. Unauffällig und bescheiden halfen sie und Bernhard vielen Menschen.

Leider begann 2008 ihre Demenz. Nach und nach zog sie sich in eine Welt zurück, in die wir ihr nicht folgen konnten. Bis zu ihrem Tod verbrachte sie viel Zeit in Italien, bei ihrem Sohn, der dort lebt. Dort hatte sie immer wieder viel Spaß. Sie entdeckte ihre Liebe zu Farben und kaufte sich fröhliche bunte Kleidung. Auch Hüte trug sie sehr gerne. Sie genoss Italiens Wärme, das Flair der kleinen Stadt Umbertide, den Spritz oder den Cappu auf der Piazza oder das Eis aus der Gelateria. Am Ende sprach sie kaum noch und sang auch nicht mehr. Ich bin sicher, dass die Liebe ihrer Kinder, ihrer Pflegerinnen und ihrer Freunde ihre Lebenszeit verlängert haben. Und auch wenn ich sie lange nicht mehr gesehen habe, macht mich ihr Tod traurig und ich sag zum Abschied leise:

Servus Gabi und danke für alles.“

 

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Im Unfallkrankenhaus auf der Intensivstation

Seit etwa 2 Jahren bin ich einmal wöchentlich im Unfallkrankenhaus Murnau auf der Intensivstation.

Bei meiner ehrenamtlichen Aufgabe kläre ich mit dem Pflegepersonal ab, ob Angehörige die Patienten besuchen dürfen.

 

Oft  sind die Angehörigen beim ersten Besuch im Unfallkrankenhaus extrem gestresst, weil sie nicht wissen,

in welcher Verfassung der Patient ist. Andere geraten bei

der Diagnose in eine Art Schock, manche stehen vor der schwierigen Aufgabe, zu entscheiden, ob die Maschinen abgeschaltet werden und wieder andere müssen sich

endgültig verabschieden.

 

Groß ist die Freude, wenn ein Heilungserfolg sichtbar wird,

der Patient nach einer längeren Zeit auf eine andere Station kommt oder eine vollständige Genesung erwartet werden darf. Oft kommen ehemalige Intensivpatienten mit ihren Angehörigen noch mal in die Station, um sich beim Pflegepersonal zu bedanken.

 

Diese Gefühle sind für uns, die dieses Ehrenamt machen, intensiv spürbar. Manchmal fragen mich Angehörige, wie ich das Geschehen auf der Intensivstation aushalte. Dann antworte ich: “ Indem ich Anteil nehme, zuhöre, den Schmerz fühle und aushalte und doch nicht zu meinem werden lasse. Außerdem bin ich mir, seit ich dieses Ehrenamt ausfülle, viel bewusster geworden, dass es keine Sicherheit gibt und wie zerbrechlich unser Leben sein kann.“

 

Und wenn ich am Abend das Unfallkrankenhaus verlasse, schaue ich in den Himmel und bin voller Dankbarkeit für den Wert meines Lebens.

 

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Nur ein Hund?

In letzter Zeit haben einige von meinen facebook-Freundinnen ihren Hund verloren. Ob vorhersehbar oder unerwartet, der Schmerz über den Verlust ist tief. Es gibt Menschen, die diese Trauer nicht verstehen können. „Es ist doch nur ein Hund“ heißt es dann.

 

Kann denn ein Verlust ausschließlich am allgemeinen Wert des Verlorenen gemessen werden? Ich finde nicht. Aus meiner Sicht ist bei Trauer keine Wertung erlaubt. Niemand kann ermessen, was Verlust bei Trauernden auslöst, welchen Schmerz er hervorruft.

 

Wenn ein Hund stirbt.

 

Im Allgemeinen wird Trauer mit dem Verlust eines Menschen in Verbindung gebracht. Doch sie ist vielfältiger und man kann bei einer Scheidung, dem Verlust von Gesundheit, dem Arbeitsplatz oder der Heimat tiefe Trauer empfinden. Und auch wenn ein Hund stirbt, den man lieb hat.

 

Alle diese Ereignisse haben eines gemeinsam: Durch den Verlust verändert sich das Leben und wird nicht mehr so sein wie vorher. Deshalb gestalte ich das Zusammenleben mit meinem alten Hund sehr bewusst, immer in dem Wissen um meine und seine Endlichkeit.

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Liebe Freundinnen und Freunde des Kleefalterhofes,

 

weil das Weihnachtsfest und der Jahreswechsel näher kommen, möchte ich euch von Herz zu Herz danken.

 

Der Kleefalterhof feierte heuer seinen fünften Geburtstag. 40 Gäste kamen von nah und fern um dabei zu sein, Thomas Hoffmann moderierte das Fest, Analorena Jung las aus ihrem Buch „Gefangen in der Freiheit“ und am Abend spielte das Trio „La Rosette Pauillac“ Stücke zum Mitsingen und Tanzen. Dazu gab es feine ayurvedische Küche. Spät in der Nacht verabschiedeten sich die letzten Gäste, nur drei blieben über Nacht. Denn seit Anfang Juni gibt es im Haus zwei Zimmer, in denen Menschen bleiben können, die eine Auszeit oder längere Begleitung suchen.

 

Schwedenzimmer                                                                                   Norwegenzimmer

 

Die ersten Klienten, die dieses Angebot nutzten, waren Greta (9) und Liv (6), die 2013 ganz unerwartet ihren Papa verloren hatten. Sie kamen am letzten Ferienwochenende. Ich war mir nicht sicher, ob sie es schaffen würden, hatte ich doch vor Augen, wie vor allem Livi bei ihrem ersten Besuch, damals noch in Eschenlohe, herzzerreißend weinte: Cony, ihre Mutter, hatte nur mit mir einen Spaziergang machen wollen. Die Angst, dass auch die Mutter nicht mehr käme, war damals fast unüberwindbar.

 

Die Beiden reisten also an einem schönen Septembersamstag mit Sack und Pack an. Nachdem sie sich im Zimmer eingerichtet hatten und es für einen Ausflug mit dem Therapiepferd Rosi zu heiß war, hatten wir im Strandbad einen vergnüglichen Nachmittag. Zurück im Haus machten wir es uns gemütlich. Nach dem Abendessen noch mit den Hunden und Katzen die Abendrunde, danach Zähneputzen und ab ins Bett. Fensterläden zu, damit`s auch richtig dunkel ist, ein kleines Lämpchen für die Nacht eingeschaltet, die Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen und schnell waren die Kinder eingeschlafen.

 

Auch ich ging bald zu Bett und schlief schnell ein. Um halb eins wurde ich wach. Zwei kleine Nachtgespenster standen mit ihren Kuscheltieren im Arm in meinem Schlafzimmer und meinten: „Wir können nicht schlafen“ „So, warum denn nicht?“ „Die Mama fehlt uns und wir haben Angst“. „Warum habt ihr denn Angst?“ „Es ist so dunkel.“ „Also mit der Mama kann ich euch im Moment nicht helfen, aber wir machen jetzt die Fensterläden wieder auf und dann schau`n wir weiter.“

 

Die Kinder hopsten zurück in ihr großes Bett, ich öffnete die Fensterläden und setzte mich zu ihnen. Greta gab sich alle Mühe, auf ihre Schwester schlafend zu wirken. Doch es gelang ihr nicht. Livi hatte immer noch Angst. Da rief ich Füxi, meine lustige schwarze Hündin. Sie würde die Mädchen bewachen. Sie rollte sich zusammen, schaute die Kinder fest an und schloss mit einem Seufzer die Augen. Kurze Zeit später schliefen auch die Mädchen tief und fest. Am nächsten Morgen schien die Sonne und alle Ängste waren vergessen. Auf der Terasse gab’s zum Frühstück die Brez’n, die wir beim Bäcker geholt hatten.

 

 

Und dann war endlich Rosi dran.

 

 

Nach dem Reiten machten wir noch einen Spaziergang mit den Hunden im Murnauer Moos und schon war der Opa da, um seine heißgeliebten Enkelinnen abzuholen.

 

 

Mit diesem kleinen Einblick in meine Arbeit wünsche ich ein geruhsames Weihnachtsfest. Zeit für alles, was euch wichtig ist und was ihr gern tun würdet zwischen den Jahren! Und dann einen gelungenen Sprung in ein gesundes, glückliches und erfolgreiches 2017.

 

Und wer springt hier noch? Über Ferdinand, einen zukünftigen Mitarbeiter des Kleefalterhofes, erfahrt ihr mehr im nächsten Newsletter.

 

 

Wenn ihr euch gerne ein persönliches Bild vom Kleefalterhof in der Kirchtalstraße machen wollt, seid ihr herzlich eingeladen, vorbei zu schauen. Einfach vorher anrufen, dann klappt es auch. Wenn Ihr den Wunsch habt, zu helfen, freue ich mich auch sehr über Spenden, weil eure Spenden Freude schenken.

Den Spendenbutton findet ihr unten links. Schön, dass es euch gibt, vielen herzichen Dank und herzliche Grüße aus Uffing

 

eure Christine Rösch

 

 

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Cony

Zu zweit -

mit Schwester und Schwager,

das erste freie Wochenende.

Die beiden Kinder noch klein, doch groß genug,

um bei den Großeltern zu sein.

Riesen Freude - Z e i t für einander!

Auto gepackt und los!

Schmetterlinge im Bauch.

Fühlt sich super an.

 

Am nächsten Morgen Zusammenbruch…

fehlte das Frühstück?

Einkehr, gemeinsames Essen, alles gut?

Zweiter Zusammenbruch,

Notarzt verständigt, sie hält ihren Mann in den Armen.

Er erkennt das Licht auf der anderen Seite und lächelt.

„Bleib, bitte bleib!“

Doch er hört sie nicht und wechselt die Seite.

Totenstille

Sie hatte nie geglaubt, dass er nicht alt werden wollte.

Wie sag ich`s nur den Eltern, wie den Kindern?

Das fühlt sich so gespenstisch an.

 

Die erste Zeit danach

funktioniert, funktioniert, funktioniert

und nicht mehr zu viert.

Dabei wollte sie nie alleine erziehn und auch noch arbeiten gehn.

Im Inneren alles tot und grau.

Seine Firma, gerade gegründet - auflösen.

Den Kindern Halt geben,

wo soll der herkommen?

Funktionieren, funktionieren und alleine im Dunkeln weinen.

Das fühlt sich trostlos an.

 

Familie und Freunde tragen mit den Schmerz,

weniger wird er nicht – im Herz.

Das Haus erdrückt,

eine Wohnung gesucht und gefunden,

in einem rosa Prinzessinnenschloss -

es gefällt den Dreien sehr… und fühlt sich jetzt etwas besser an.

 

Die Stute Rosi -

grau, groß und mütterlich.

Sie trägt die Kinder mit ihrer Last.

Manchmal vergessen die Mädchen fast…

Von Rosie gewiegt und geliebt, fühlt es sich viel leichter an.

 

Die Angst verschwindet: nicht zu genügen und,

dass die Kinder Schaden nehmen.

Die Mädchen wachsen heran, Kindergarten und Schule,

die Mutter, jetzt wieder Lehrerin.

Alles ist gut, ja, im grünen Bereich –

auch dass der Mann und Vater fehlt,

fühlt sich beinah‘ normal an.

 

Das Leben gelingt wieder.

Ein alter Freund, die Kinder lieben ihn auch.

„Zieh`n wir zusammen?“

 Ein Haus gefunden,

bald wieder zu viert,

nur manchmal noch Fremdeln.

Das fühlt sich jetzt ganz anders an.

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Amir

Geflohen vorm Krieg, seit zwei Jahren hier. Man sagt, in der Schule schlägert er und ist aggressiv.  Vor mir steht ein weicher, runder Junge mit traurigen Augen. Leise und freundlich, zurückhaltend und fein.  Im Stall trifft er Rosi, die sein Herz gewinnt. Sanft streichelt und putzt Amir das Tier, dann sitzt er auf und wir gehen los.Erzähl mir von dir“ „Was, wie`s passiert ist?“

Taliban, Anschläge – Krieg in der Stadt. Die Familie macht sich auf, an einen Ort, der sie leben lässt. Vater und Mutter, Mohamed, der ältere Bruder, und zwei Schwestern. Das fühlt sich so bedrohlich an.

Der Weg durch die Nacht ans Meer. Dort sind 60 Menschen, ein kleines Boot, wenig Platz. Der große Bruder rückt zur Seite und setzt sich aufs Heck. Das Boot legt ab, erst langsam und dann, im offenen Meer, gibt der Skipper plötzlich Gas. Der große Bruder fällt ins Wasser, bleibt in der Dunkelheit zurück, verloren. Das Grauen!

Im Boot Entsetzen. Keine Zeit für Trauer, die Reise geht weiter – nur jetzt zusammen bleiben. Durch Griechenland nach Deutschland. Aufnahmelager, fremde Menschen, fremde Sprache und so allein - ohne Mohamed. Weiter an den Ort, wo sie jetzt leben. Es gibt ein Haus, dort finden sie Zuflucht und erst mal Ruhe. Ein kleiner Garten gehört dazu. Amir vermisst seinen Bruder - das fühlt sich so schmerzhaft an.

Fast jeden Samstag kommt Amir zu Rosi, erzählt der Stute von seiner Heimat, dem Haus des Vaters, auf dem Dach die Hühner und ein Kampfhahn. Amir liebt Hühner und jedes Huhn am Wegesrand zaubert ein Lächeln auf sein Gesicht. Seit Kurzem hat er selbst zwei Hennen, eine schwarzweiße und eine dunkelschwarze, so sagt er. Seine Augen leuchten und er erzählt voller Freude, dass er 20 Küken bekommt.

Nach dem Reiten verteilt er Heu bei den Pferden und schaut Rosi still beim Fressen zu.

Bildequelle: http://www.fingermuehl.de, Bauernhofurlaub im Bayerischen Wald

 

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5 Jahre Kleefalterhof - Fotos vom Fest

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5 JAHRE KLEEFALTERHOF

Es war ein rauschendens Fest!

Fast 40 Menschen kamen, ließen sich von der Poetry berühren,

genossen den leckeren Kuchen und folgten fasziniert der Lesung

von Analorena, die aus ihrem Buch "Gefangen in der Freiheit" las.

Danach gab es feines ayurvedisches Essen und dazu spielte

das Trio "La Rosette Pauilac" schwungvolle Salonmusik.

Die Gäste schlossen neue Bekanntschaften, führten lebhafte

und zugewandte Gespräche und das Zelt schützte uns vor dem

rauschenden Regen. Gegen Abend kam die Sonne wieder heraus

und dies nutzte ein Teil der Gäste um zum See zu gehen.

Schön war`s und ich danke allen Spenderinnen und Spendern

sowie denen, die zum Gelingen dieses Festes durch ihre

persönliche Unterstützung beitrugen.

Wir feiern wieder und wer noch ein Buch zu Gunsten des Kleefalterhofes kaufen möchte, wende sich bitte per Mail oder telefonisch an mich.

Der Erlös geht an den Kleefalterhof.

Vielen herzlichen Dank, Christine.

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"Mit dem Verlust leben lernen"


Ein Erfahrungsbericht von Mechthild Schroeter-Rupieper.
Inhaberin von Lavia Institut für Trauerbegleitung,
Ausbildnerin im gesamten deutschsprchigen europäischen Raum, Autorin und Trauerbegleiterin.

„Danke, dass sie geholfen haben, dass Anna nach dem Tod ihrer Mutter nicht mehr traurig ist", sagt die Erzieherin aus der Ganztagbetreuung zu mir. "Oje,", denke ich. "Da kommt die nächste Baustelle auf mich zu..."
 
Die Mama von Anna stirbt an Krebs. Anna ist 6 Jahre alt.
Ich habe sie eine Woche vor dem Tod der Mama kennen gelernt. Der Förderverein Lavia e.V. unterstützt diese Begleitung, die von der Krankenkasse nicht bezahlt wird.
In meinem Beisein erklärt der Vater ihr, dass die Mutter nicht mehr vom Arzt gesund gemacht werden kann, der Doktor der Mama aber Medizin geben kann, damit diese keine Schmerzen aushalten muss. Dem kleinen Mädchen erklären wir an Beispielen, was das bedeutet. Sie nickt, hört zu, versteht etwas, begreift es aber nicht wirklich.
 
Dann stirbt die Mutter in der Nacht. Die Palliativschwester telefoniert mit mir, wir besprechen, wie zuvor mit dem Vater, dass Anna die Mutter noch sehen soll.
Als ich um 7.30h bei der Familie eintreffe, steht das Kind, im Beisein der Krankenschwester, an Mamas Bett, cremt ihren Arm ein.
Sie weint. Zu Recht. Ihre Mama ist tot.
Sie begreift grade das, wofür Worte in den Tagen zuvor nicht ausreichten. Sie ist nicht alleine. Schwester Heidi ist da, der Vater, Familienangehörige und ich als Trauerbegleiterin.
Später liegt Anna neben der toten Mama auf Papas Seite im Ehebett. Sie weint nicht, still liegt sie da, betrachtet die Mutter. Diese ist mittlerweile mit Blumen in den Händen und gemalten Bildern von der kleinen Tochter geschmückt.
 
„Anna, Mama sieht eigentlich aus, als würde sie schlafen - obwohl sie tot ist. Lass uns mal schauen, woran wir erkennen, dass sie nicht schläft, dass sie wirklich tot ist.“ Anna stützt in Papas Bett das Kinn auf die Hand. Sie betrachtet lange die Mama. „Sie bewegt sich nicht mehr.“ „Ja.“ „Sie ist ganz kalt.“ „Ja, das stimmt.“ „Mechthild, sie spricht gar nicht mehr.“ „Ja. Das hast du gut gesehen.“ Anna nickt.
Sie weint nicht, sie geht in die Küche und beginnt, ein Engelbild für Mama zu malen. Gemeinsam mit dem Vater und Anna gehe ich zwei Tage später mit einem Beutel voller Farbe zum Bestatter. Das Mädchen bemalt Mama Sarg. „Hallo Mama, hier ist Anna“, schreibt sie darauf. Herzen malt sie, drei Stück. Für Mama, Papa und sich. Drei Blumen. Zwei mal drei Wolken. Einen Handabdruck.
 
In der Kirche sitzt sie neben Papa und Oma. Sie schaut, staunt, freut sich über die vielen Gäste. Und über ihr neues Kleid. Als sie eine Blume in Mamas Grab wirft, da weint sie. Nach der Beerdigung gibt es ein Eis. Da lacht sie etwas.
 
Eine Woche später hole ich sie in der Grundschule ab. Die Erzieherin aus dem betreuten Ganztag kommt auf mich zu. Sie bedankt sich, dass ich Anna geholfen hätte. Sie sei ganz froh, dass durch meine Trauerarbeit Anna nicht mehr traurig sei. "Das hätte ich gut gemacht."
 
"Oje", denke ich. Das sind ebenfalls große Baustellen in der Trauerbegleitung. Das Umfeld glaubt, will glauben, dass Trauerbegleitung Trauer „weg macht“. Das Umfeld will glauben, dass es gut ist, dass es ein Erfolg ist, wenn das Kind scheinbar nicht mehr traurig ist.
Immer wieder geschieht dieses Denken. Da möchten nahestehende Menschen glauben, dass, nur weil es eine Vorbereitung auf den Tod gab, keine oder kaum Trauer vorhanden ist. Dabei müssten wir uns nur mal fragen: „Was ist, wenn ich als Mutter sterbe? Ich bin mir sicher, dass meine Söhne bei dem Wissen um meinen anstehenden Tod gut vorbereitet wären. Und dennoch wären sie traurig.
Nicht unbedingt sichtbar, nicht unbedingt sofort. Aber, ganz im Ernst, wenn sie nicht traurig wären, müsste man sich ernsthaft Sorgen machen, das sie eine emotionale Störung bis hin Behinderung haben. Oder?“
 
Nun ist es der Job von Trauerbegleitung, der Erzieherin zu erklären: Anna begreift noch nicht, dass Mama für immer tot ist. Deshalb ist sie nicht so traurig, wie es Erwachsene, die das tot-sein etwas besser begreifen, glauben. Und Anna muss sich nun erst mal in ihrer veränderten Welt zurecht finden: mit Papa alleine leben, keine kranke Mama mehr erleben, dadurch tatsächlich Entspannung im Alltag zu haben, Geschenke und Einladungen von Freundinnen erhalten, das braucht auch Zeit. Es braucht auch Zeit, sich zu trauen, Trauer zu zeigen. Vielleicht will man alle Leute drumherum, die eine froh machen wollen, nicht enttäuschen?
 
8 Monate hat es gedauert, dass sich der Vater wieder meldete. Letzte Woche rief er an: „Es geht meiner Tochter nicht gut. Sie ist jetzt so oft traurig. In der Schule still, in der Pause hat sie letztens geweint.“
 
Ein Rückfall? Nein, es ist eine gesunde normale Entwicklung. Erst widmet sie sich dem „Überleben“ der Situation, muss sich in ihrer neuen Umwelt zurecht finden. Nach und nach versteht das Kind, was das „tot-sein“ von Mama bedeutet. Und das löst Trauer aus. Nach und nach. So ist das. Eigentlich logisch, oder?
Wie gut, dass der Vater darum weiß und sich meldet. Anna hat da Glück mit ihm. Es ist zu hoffen, dass auch die Schule die Trauer von Anna erkennt und die Veränderung nicht auf andere Lebensumstände schiebt.
 
Wie gut, dass in der Sendung 37 Grad gestern Abend in der unten stehenden Studie darauf hingewiesen wird, dass Trauer lange dauert.
Wir bei Lavia Institut für Familientrauerbegleitung wissen durch die jahrezehnte lange Praxiserfahrung, beim Tod junger Eltern ist die Trauer für Kinder und Jugendliche oft lebenslang - aber mit Unterstützung gut ertragbar, nicht immer spür- und sichtbar.
Nicht für den Trauernden, nicht für das Umfeld.
Auch beim Tod von Geschwistern oder Kindern geht es beim Schmerz um Jahre, die Trauer bleibt meist ewig. Aber Trauer empfinden bedeutet ja nicht, dass es immer weh tut. (Infos zu Trauerbegleitung auch über den BVT)
Ist es nicht normal, auch nach 40 Jahren zu sagen: Es ist schon traurig, dass meine Mutter, mein Vater, meine Schwester oder mein Bruder tot sind?
Und obwohl (vielleicht auch:weil) wir Trauer in uns spüren können, können wir Freude, empfinden.
Unsere Jugendlichen aus Haltern nach dem Germanwingsunglück sagen in unsern Gruppen: "Die Trauer wird jetzt nach einem Jahr mehr, aber wir lernen hier, damit besser umzugehen."
Eigentlich, weil wir Verlust erleben mussten und "Dank Trauer" (gut) überleben konnten, werden wir im Leben gestärkter sein. Das ist kein Widerspruch. Denn Trauer und Freude sind zwei der sieben Grundgefühle in uns.
 
Die ZDF-Sendung 37 Grad benannte auf ihrer Homepage Fakten zur Trauer. Es handelt sich dabei um eine empirische Studie von 2011:
„Mit dem Verlust leben lernen
In vielen Fällen kommt es völlig unerwartet zu einem Todesfall in der Familie. Nur manchmal ist es möglich, Kinder auf das Sterben eines Angehörigen vorzubereiten und gemeinsam zu trauern.
Die Zeit der Trauer ist sehr individuell, Familien müssen mit dem Verlust leben lernen. Einer kleinen empirischen Studie nach trauern Eltern nach dem Tod eines Kindes durchschnittlich acht Jahre – bei unerwartetem Tod sogar 12 Jahre: 34 Eltern, bei denen ein Kind an einer Krankheit verstorben war, konnten der Studie nach erst nach einer durchschnittlichen Zeit von fast acht Jahren immer/meistens mit ihrer Trauer im beruflichen und privaten Alltag umgehen. "Die durchschnittliche Zeit bei den 21 von einem plötzlichen Tod ihres Kindes betroffenen Eltern lag sogar bei annähernd zwölf Jahren."
(Quelle: Nitsche, Norbert Martin, Trauerarbeit von Eltern und Geschwistern nach dem Tod eines Schulkindes. Eine empirische Untersuchung, Weingarten 2011 (Diss.))“
 
Bei den Familien, die Lavia besuchen, erleben wir, dass sich die Heftigkeit, der Schmerz der Trauer, der Fokus auf den Verlust gegenüber der o.g. Studie deutlich verringert ist.
Ich denke, die intensive Auseinandersetzung in unserer Trauerarbeit, der geleitete Austausch und wir als qualifizierte Familientrauerbegleiterinnen, die fast alle aus pädagogischen Grundberufen kommen, tragen mit dazu bei.
Aber, die Trauer vergeht nicht. Sie bleibt meist ebenso Bestandteil aufgrund des Verlustes im Leben dieser Menschen, wie auch die Freude darüber, diesen Menschen erlebt zu haben, wahrscheinlich ewig Bestandteil des Lebens sein wird. Wie gut.
Diese Trauerarbeit, die von mir vor Jahren den Namen "Familientrauerbegleitung" bekam, ist heute in vielen Ländern, in denen ich neben meiner direkten Trauer-Arbeit in den Familien und Gruppen referiere, wird durch Lavia e.V. unterstützt. Über einen "Besuch" dort bei Lavia e.V., auch ein "gefällt mir" auf der Facebookseite - wenns gefällt😉- zu hinterlassen, würde ich mich freuen.
Auch im Sinne von Anna und weiteren Kindern und Jugendlichen.
 
www.familientrauerbegleitung.de

 

 

 

DANKE !