Amir

Geflohen vorm Krieg, seit zwei Jahren hier. Man sagt, in der Schule schlägert er und ist aggressiv.  Vor mir steht ein weicher, runder Junge mit traurigen Augen. Leise und freundlich, zurückhaltend und fein.  Im Stall trifft er Rosi, die sein Herz gewinnt. Sanft streichelt und putzt Amir das Tier, dann sitzt er auf und wir gehen los.Erzähl mir von dir“ „Was, wie`s passiert ist?“

Taliban, Anschläge – Krieg in der Stadt. Die Familie macht sich auf, an einen Ort, der sie leben lässt. Vater und Mutter, Mohamed, der ältere Bruder, und zwei Schwestern. Das fühlt sich so bedrohlich an.

Der Weg durch die Nacht ans Meer. Dort sind 60 Menschen, ein kleines Boot, wenig Platz. Der große Bruder rückt zur Seite und setzt sich aufs Heck. Das Boot legt ab, erst langsam und dann, im offenen Meer, gibt der Skipper plötzlich Gas. Der große Bruder fällt ins Wasser, bleibt in der Dunkelheit zurück, verloren. Das Grauen!

Im Boot Entsetzen. Keine Zeit für Trauer, die Reise geht weiter – nur jetzt zusammen bleiben. Durch Griechenland nach Deutschland. Aufnahmelager, fremde Menschen, fremde Sprache und so allein - ohne Mohamed. Weiter an den Ort, wo sie jetzt leben. Es gibt ein Haus, dort finden sie Zuflucht und erst mal Ruhe. Ein kleiner Garten gehört dazu. Amir vermisst seinen Bruder - das fühlt sich so schmerzhaft an.

Fast jeden Samstag kommt Amir zu Rosi, erzählt der Stute von seiner Heimat, dem Haus des Vaters, auf dem Dach die Hühner und ein Kampfhahn. Amir liebt Hühner und jedes Huhn am Wegesrand zaubert ein Lächeln auf sein Gesicht. Seit Kurzem hat er selbst zwei Hennen, eine schwarzweiße und eine dunkelschwarze, so sagt er. Seine Augen leuchten und er erzählt voller Freude, dass er 20 Küken bekommt.

Nach dem Reiten verteilt er Heu bei den Pferden und schaut Rosi still beim Fressen zu.

Bildequelle: http://www.fingermuehl.de, Bauernhofurlaub im Bayerischen Wald

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0