"Mit dem Verlust leben lernen"


Ein Erfahrungsbericht von Mechthild Schroeter-Rupieper.
Inhaberin von Lavia Institut für Trauerbegleitung,
Ausbildnerin im gesamten deutschsprchigen europäischen Raum, Autorin und Trauerbegleiterin.

„Danke, dass sie geholfen haben, dass Anna nach dem Tod ihrer Mutter nicht mehr traurig ist", sagt die Erzieherin aus der Ganztagbetreuung zu mir. "Oje,", denke ich. "Da kommt die nächste Baustelle auf mich zu..."
 
Die Mama von Anna stirbt an Krebs. Anna ist 6 Jahre alt.
Ich habe sie eine Woche vor dem Tod der Mama kennen gelernt. Der Förderverein Lavia e.V. unterstützt diese Begleitung, die von der Krankenkasse nicht bezahlt wird.
In meinem Beisein erklärt der Vater ihr, dass die Mutter nicht mehr vom Arzt gesund gemacht werden kann, der Doktor der Mama aber Medizin geben kann, damit diese keine Schmerzen aushalten muss. Dem kleinen Mädchen erklären wir an Beispielen, was das bedeutet. Sie nickt, hört zu, versteht etwas, begreift es aber nicht wirklich.
 
Dann stirbt die Mutter in der Nacht. Die Palliativschwester telefoniert mit mir, wir besprechen, wie zuvor mit dem Vater, dass Anna die Mutter noch sehen soll.
Als ich um 7.30h bei der Familie eintreffe, steht das Kind, im Beisein der Krankenschwester, an Mamas Bett, cremt ihren Arm ein.
Sie weint. Zu Recht. Ihre Mama ist tot.
Sie begreift grade das, wofür Worte in den Tagen zuvor nicht ausreichten. Sie ist nicht alleine. Schwester Heidi ist da, der Vater, Familienangehörige und ich als Trauerbegleiterin.
Später liegt Anna neben der toten Mama auf Papas Seite im Ehebett. Sie weint nicht, still liegt sie da, betrachtet die Mutter. Diese ist mittlerweile mit Blumen in den Händen und gemalten Bildern von der kleinen Tochter geschmückt.
 
„Anna, Mama sieht eigentlich aus, als würde sie schlafen - obwohl sie tot ist. Lass uns mal schauen, woran wir erkennen, dass sie nicht schläft, dass sie wirklich tot ist.“ Anna stützt in Papas Bett das Kinn auf die Hand. Sie betrachtet lange die Mama. „Sie bewegt sich nicht mehr.“ „Ja.“ „Sie ist ganz kalt.“ „Ja, das stimmt.“ „Mechthild, sie spricht gar nicht mehr.“ „Ja. Das hast du gut gesehen.“ Anna nickt.
Sie weint nicht, sie geht in die Küche und beginnt, ein Engelbild für Mama zu malen. Gemeinsam mit dem Vater und Anna gehe ich zwei Tage später mit einem Beutel voller Farbe zum Bestatter. Das Mädchen bemalt Mama Sarg. „Hallo Mama, hier ist Anna“, schreibt sie darauf. Herzen malt sie, drei Stück. Für Mama, Papa und sich. Drei Blumen. Zwei mal drei Wolken. Einen Handabdruck.
 
In der Kirche sitzt sie neben Papa und Oma. Sie schaut, staunt, freut sich über die vielen Gäste. Und über ihr neues Kleid. Als sie eine Blume in Mamas Grab wirft, da weint sie. Nach der Beerdigung gibt es ein Eis. Da lacht sie etwas.
 
Eine Woche später hole ich sie in der Grundschule ab. Die Erzieherin aus dem betreuten Ganztag kommt auf mich zu. Sie bedankt sich, dass ich Anna geholfen hätte. Sie sei ganz froh, dass durch meine Trauerarbeit Anna nicht mehr traurig sei. "Das hätte ich gut gemacht."
 
"Oje", denke ich. Das sind ebenfalls große Baustellen in der Trauerbegleitung. Das Umfeld glaubt, will glauben, dass Trauerbegleitung Trauer „weg macht“. Das Umfeld will glauben, dass es gut ist, dass es ein Erfolg ist, wenn das Kind scheinbar nicht mehr traurig ist.
Immer wieder geschieht dieses Denken. Da möchten nahestehende Menschen glauben, dass, nur weil es eine Vorbereitung auf den Tod gab, keine oder kaum Trauer vorhanden ist. Dabei müssten wir uns nur mal fragen: „Was ist, wenn ich als Mutter sterbe? Ich bin mir sicher, dass meine Söhne bei dem Wissen um meinen anstehenden Tod gut vorbereitet wären. Und dennoch wären sie traurig.
Nicht unbedingt sichtbar, nicht unbedingt sofort. Aber, ganz im Ernst, wenn sie nicht traurig wären, müsste man sich ernsthaft Sorgen machen, das sie eine emotionale Störung bis hin Behinderung haben. Oder?“
 
Nun ist es der Job von Trauerbegleitung, der Erzieherin zu erklären: Anna begreift noch nicht, dass Mama für immer tot ist. Deshalb ist sie nicht so traurig, wie es Erwachsene, die das tot-sein etwas besser begreifen, glauben. Und Anna muss sich nun erst mal in ihrer veränderten Welt zurecht finden: mit Papa alleine leben, keine kranke Mama mehr erleben, dadurch tatsächlich Entspannung im Alltag zu haben, Geschenke und Einladungen von Freundinnen erhalten, das braucht auch Zeit. Es braucht auch Zeit, sich zu trauen, Trauer zu zeigen. Vielleicht will man alle Leute drumherum, die eine froh machen wollen, nicht enttäuschen?
 
8 Monate hat es gedauert, dass sich der Vater wieder meldete. Letzte Woche rief er an: „Es geht meiner Tochter nicht gut. Sie ist jetzt so oft traurig. In der Schule still, in der Pause hat sie letztens geweint.“
 
Ein Rückfall? Nein, es ist eine gesunde normale Entwicklung. Erst widmet sie sich dem „Überleben“ der Situation, muss sich in ihrer neuen Umwelt zurecht finden. Nach und nach versteht das Kind, was das „tot-sein“ von Mama bedeutet. Und das löst Trauer aus. Nach und nach. So ist das. Eigentlich logisch, oder?
Wie gut, dass der Vater darum weiß und sich meldet. Anna hat da Glück mit ihm. Es ist zu hoffen, dass auch die Schule die Trauer von Anna erkennt und die Veränderung nicht auf andere Lebensumstände schiebt.
 
Wie gut, dass in der Sendung 37 Grad gestern Abend in der unten stehenden Studie darauf hingewiesen wird, dass Trauer lange dauert.
Wir bei Lavia Institut für Familientrauerbegleitung wissen durch die jahrezehnte lange Praxiserfahrung, beim Tod junger Eltern ist die Trauer für Kinder und Jugendliche oft lebenslang - aber mit Unterstützung gut ertragbar, nicht immer spür- und sichtbar.
Nicht für den Trauernden, nicht für das Umfeld.
Auch beim Tod von Geschwistern oder Kindern geht es beim Schmerz um Jahre, die Trauer bleibt meist ewig. Aber Trauer empfinden bedeutet ja nicht, dass es immer weh tut. (Infos zu Trauerbegleitung auch über den BVT)
Ist es nicht normal, auch nach 40 Jahren zu sagen: Es ist schon traurig, dass meine Mutter, mein Vater, meine Schwester oder mein Bruder tot sind?
Und obwohl (vielleicht auch:weil) wir Trauer in uns spüren können, können wir Freude, empfinden.
Unsere Jugendlichen aus Haltern nach dem Germanwingsunglück sagen in unsern Gruppen: "Die Trauer wird jetzt nach einem Jahr mehr, aber wir lernen hier, damit besser umzugehen."
Eigentlich, weil wir Verlust erleben mussten und "Dank Trauer" (gut) überleben konnten, werden wir im Leben gestärkter sein. Das ist kein Widerspruch. Denn Trauer und Freude sind zwei der sieben Grundgefühle in uns.
 
Die ZDF-Sendung 37 Grad benannte auf ihrer Homepage Fakten zur Trauer. Es handelt sich dabei um eine empirische Studie von 2011:
„Mit dem Verlust leben lernen
In vielen Fällen kommt es völlig unerwartet zu einem Todesfall in der Familie. Nur manchmal ist es möglich, Kinder auf das Sterben eines Angehörigen vorzubereiten und gemeinsam zu trauern.
Die Zeit der Trauer ist sehr individuell, Familien müssen mit dem Verlust leben lernen. Einer kleinen empirischen Studie nach trauern Eltern nach dem Tod eines Kindes durchschnittlich acht Jahre – bei unerwartetem Tod sogar 12 Jahre: 34 Eltern, bei denen ein Kind an einer Krankheit verstorben war, konnten der Studie nach erst nach einer durchschnittlichen Zeit von fast acht Jahren immer/meistens mit ihrer Trauer im beruflichen und privaten Alltag umgehen. "Die durchschnittliche Zeit bei den 21 von einem plötzlichen Tod ihres Kindes betroffenen Eltern lag sogar bei annähernd zwölf Jahren."
(Quelle: Nitsche, Norbert Martin, Trauerarbeit von Eltern und Geschwistern nach dem Tod eines Schulkindes. Eine empirische Untersuchung, Weingarten 2011 (Diss.))“
 
Bei den Familien, die Lavia besuchen, erleben wir, dass sich die Heftigkeit, der Schmerz der Trauer, der Fokus auf den Verlust gegenüber der o.g. Studie deutlich verringert ist.
Ich denke, die intensive Auseinandersetzung in unserer Trauerarbeit, der geleitete Austausch und wir als qualifizierte Familientrauerbegleiterinnen, die fast alle aus pädagogischen Grundberufen kommen, tragen mit dazu bei.
Aber, die Trauer vergeht nicht. Sie bleibt meist ebenso Bestandteil aufgrund des Verlustes im Leben dieser Menschen, wie auch die Freude darüber, diesen Menschen erlebt zu haben, wahrscheinlich ewig Bestandteil des Lebens sein wird. Wie gut.
Diese Trauerarbeit, die von mir vor Jahren den Namen "Familientrauerbegleitung" bekam, ist heute in vielen Ländern, in denen ich neben meiner direkten Trauer-Arbeit in den Familien und Gruppen referiere, wird durch Lavia e.V. unterstützt. Über einen "Besuch" dort bei Lavia e.V., auch ein "gefällt mir" auf der Facebookseite - wenns gefällt😉- zu hinterlassen, würde ich mich freuen.
Auch im Sinne von Anna und weiteren Kindern und Jugendlichen.
 
www.familientrauerbegleitung.de